Im fernen Osten
Formosa in China
Ein Highlight dieses Sommers war auf jeden Fall unsere Konzertreise nach China mit Young-Euro-Classic.
Dies ist ein kleiner Rückblick auf eine unglaublich spannende Woche.
Um überhaupt Konzerte in der Volksrepublik China singen zu können, bedurfte es neben einer außergewöhnlichen Planung vor allem einer ganz banalen, aber durchaus wichtigen Sache:
Einen anderen Namen zu finden.
Dies ist schnell erklärt. Da der Name „Formosa“ nicht nur im Lateinischen schön und wohlgestaltet (in unserem Sinne bezogen auf die Kunst oder auch Musik) bedeutet, sondern auch ein ehemaliger Name für Taiwan ist, wollten wir alle Missverständlichkeiten aus politischer Rücksicht bereits im Vorfeld ausräumen. Uns in die Bredouille zu bringen, bei jedem Konzert unseren Namen erklären zu müssen, wollten wir einfach nicht auf uns nehmen.
Ein neuer Name war schnell gefunden. Passend zum Programm, das ausschließlich Werke des belgischen Renaissancekomponisten Orlando di Lasso beinhaltet, nannten wir uns kurzerhand „Lassus Consort“.
Vom 22. bis 28. Juli ging es für uns zunächst nach Shanghai, wo wir im dortigen Konservatorium ein Konzert mit unseren chinesischen Kollegen des Ensembles „Tai“ gaben.
Die Gruppe „Tai“ ist ein studentisches Ensemble für chinesische traditionelle Instrumentalmusik. Alle Mitglieder entstammen dem Konservatorium Shanghai und haben schon früh erste Erfahrungen mit traditionellen Instrumenten gesammelt. Exotische Klänge gepaart mit unglaublich virtuoser Spielkunst waren es, die uns einen zum Teil ganz neuen musikalischen Eindruck vermitteln konnten. Nicht nur deswegen wurde das Ensemble mehrfach für seine Spielkultur in China mit Preisen ausgezeichnet.
Konzerte haben auch sie bereits in diversen asiatischen, europäischen und amerikanischen Ländern gegeben, eine Verbindung mit abendländischer Musik wagten sie aber bislang genauso wenig wie wir mit fernöstlichen Klängen. Umso mehr war es gerade für uns eine Herausforderung, zumal wir uns bewusst waren, diese Musik in China uraufzuführen.
Natürlich waren wir darüber informiert, dass Menschen in China ein ganz anderes Musikverständnis besitzen als wir. Kurz gesagt: Nur die wenigsten unter Ihnen haben jemals westliche Alte Musik gehört, ganz zu schweigen natürlich von der Sprachbarriere. Trotzdem waren sie sehr interessiert und zuletzt begeistert von der musikalischen Komplexität und dem Klangbild Lassos.
Nichtsdestoweniger haben wir versucht, ein möglichst unterschiedliches Bild von di Lasso mit all seinen Facetten zu zeigen. Neben französischen Chansons und Liebesliedern sangen wir genauso eindringliche Passionsmotetten in lateinischer Sprache. Deutschen derben Trink-und Fressliedern wurden italienischen Madrigalen und Motetten gegenübergestellt. Das gesamte Programm wurde aber erst durch die traditionelle Musik „Tai’s“ einzigartig. Es sei interessanterweise erwähnt, dass sich alte chinesische Musik im Gegensatz zur europäischen immer weiterentwickelt. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass keinerlei schriftliche Noten existieren. Die Musik folgt einem bestimmten Schema, dem immer eine eigene Note im übertragenen Sinne gegeben wird. Aber genau das macht die Musik sehr lebendig.
Unsere Texte mussten zwar der Aufführungsgenehmigung wegen alle übersetzt werden, doch die oft in Lassos deutschen Kompositionen eher derbe, frivole Sprache rang unseren chinesischen Übersetzern den ein oder anderen Lacher ab.
Letztendlich wurden unsere Texte sogar zensiert bzw. abgemildert.
Ein Beispiel gefällig? In dem Lied „Im Mayen“ geht es zum Beispiel um einen Bauern, der das Leben, sagen wir, in vollen Zügen mit Mägden und Bauerntöchtern genießt. Statt der Zeile „Hinterm Ofen, ich kumm, ich kumm, ich kumm“ heißt es eben jetzt in der chinesischen Version, wie schön doch die Fische im Bach springen und der Tau von den Blättern tropft. Oder zuminderst so etwas in der Art.
Zurück zum eigentlichen Thema, dem Musikverständnis.
Wie bringt man Chinesen alte, traditionelle Musik bei, der zum Teil schon bei uns eher weniger Beachtung geschenkt wird?
Dr. Diether Rexroth, der in China die künstlerische Leitung innehatte, fasste dieses komplexe Thema in Beijing noch einmal genau auf und untersuchte es in einem Dialog zusammen mit dem chinesischen Dirigenten Tang Muhai.
Unser Konzert in Bejing stand unter dem Motto „Business meets Culture“, also Geschäft trifft Kultur. Daimler Chrysler sowie das Goethe Institut trafen sich in einem der wohl sensationellsten Gebäude unserer Zeit.
Das „National Center of Performing Arts Beijing“, gerade rechtzeitig zu den olympischen Spielen fertig gestellt, bot eine unglaubliche Kulisse für ein tolles Konzert in der wunderschönen Bibliothek. Auch danach wurde noch kräftig beim Empfang gefeiert oder das ein oder andere wichtige Gespräch geführt.
Nach diesen ereignisreichen Tagen hatten wir auch noch genug Zeit, die imposante chinesische Mauer, den kaiserlichen Sommerpalast sowie die verbotene Stadt in Peking zu besichtigen.
Die Anstrengungen forderten allerdings auch ihren Tribut. Teilweise 40 Grad in Verbindung mit klimatisierten (gefühlten) 17° zogen einige Halsschmerzen und sonstige Wehwehchen nach sich.
Bis zu unseren nächsten Konzerten in der chinesischen Botschaft am 08.08.08 zur offiziellen Eröffnung der olympischen Spiele und im Konzerthaus Berlin am 09.08.08 können wir uns also noch erholen.
Zu diesem besonderen Event wurden unsere chinesischen Mitstreiter von „Tai“ nach Deutschland eingeladen, um dort die oben genannten Konzerte mit uns zu machen.
Es lohnt sich auf jeden Fall.
Martin
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